Donnerstag, 29. September 2011

Following (1998)


FOLLOWING (oder "Volker der Spanner")

Wir, die Therapeuten der Multiplen Filmstörung, sind ja bekanntlich große Anhänger des Hollywood Kinos. Gebet uns AVATAR, INTERSTATE 60 oder TWILIGHT - wir danken es euch ein Leben lang. Hauptsache leicht verständliche Storyline, eine Menge an Hollywood Schönlingen und viele krachende Explosionen. Ja, dafür wurden Filme gemacht, ja, dafür schreiben wir.
Genießt man aber zu viele dieser immer gleichen Schmankerl, so fällt dem Zelluloid-Zeugen schon bald kein Unterschied zwischen all diesen 08/15-Perlen mehr auf und er muss seinen Geist rejustieren. Dazu eignet sich Christopher Nolan's Following. Schwarz-weiß, kontrovers und unberechenbar.


EINRICHTUNG:
Ein Schriftsteller, Volker, berichtet einem Fremden seine Taten: im Rahmen der Recherchen für ein neues Werk, hat er sich ein sinnvolles Hobby zugelegt und verbringt nun den Lebtag als Voyeur. Er verfolgt und beschattet wahllos irgendwelche Menschen und entwickelt stets neue Regeln, um incognito zu bleiben, und seine edle Neigung möglichst lange ausüben zu können. Doch die wichtigste Regel, keinen Menschen wiederholt zu beobachten, bricht er als erstes. Daraufhin wird der Einbrecher Cobb im Folgenden zu Herrn Schreiberlings Mentor, gleichzeitig aber auch Ankerpunkt der zelluloiden Hemisphäre. Als auch noch eine Frau ins Spiel kommt, wird allmählich nicht nur die diffuse Handlung klar. Auch nimmt die Geschichte eine ungeahnte Wendung, die Cobb seines vorbildlichen Status entledigt und ihn zum fiesen Mastermind macht, der mehr kann als nur Unterhosen schmuggeln.

 Dummerweise folgen die männlichen Subjekte der Neuzeit nicht mehr ihren Trieben
 sondern meist den weitaus gefährlicheren Drang, ...den Gefühlen!
In den meisten Fällen endet die Verfolgungsjagd  einer "unbekannten Schönen"
 in einer dunkelgrauen, depressiven Tristesse: Eine Alltagshölle, auch "die Ehe" genannt.


WIRKUNG:
Der Streifen wirkt wie das polizeiliche Verhör eines Spanners, welcher aufgrund seines berechenbaren Charakters zur Marionette eines Psychopathen wird: als Cobb -dem Dieb- auffällt, dass Volker, welcher auf der Suche nach Inspiration auch maskumanen Ärschen hinterherschaut, zu jedem Scheiß bereit ist, spielt er ein Spiel mit ihm. Durch geschickte Anweisungen und den Einsatz eines anziehenden Mitspielers, macht er den Jäger zum Gejagten.

Mit chronologisch durcheinander vorgespielten Szenen, gelingt Nolan ein Glanzstück: Volker der Voyeur wird zum Opfer von Big Brother - hier Cobb. Dieser fungiert als Stratege, welcher scheinbar zufällig seinen Allerwertesten zur Schau stellt, nur um den augenscheinlich Überlegenen, letztendlich derb' zu penetrieren. 

[SPOILER] Sicherlich wird schon in der Café Szene gezeigt, dass der Verfolgte den Spanner nicht leiden kann.[SPOILER ENDE] Dennoch erschafft der fähige Regisseur eine Beziehung zwischen beiden Protagonisten, welche dem naiven Zuschauer wie eine Vater-Sohn-Connection vorkommen mag. Doch der Vorsteher missbraucht den Nachkömmling zu seiner Unterhaltung. Hier wird der Spanner zum Gespann.
Um es deutlicher zu erklären, scheint folgender Vergleich sinnvoll: Spanner A sieht aus dem Gebüsch hinüber zum Hochhaus, in dem ein Pärchen beim Geschlechtsfrevel zu sehen ist. Erst als er Geräusche der Entzückung unweit von ihm bemerkt, wird ihm klar, dass Spanner B ihn wiederum während seiner Pärchen-Sichtung als Objekt der Begierde wahrnimmt. Er findet es ziemlich geil Spanner A spannen zu lassen und zu bespannen. So in etwa kann man sich die Gedankenwelt von Cobb vorstellen, also dem Spanner B. Reinstes Spannungskino der alten Schule also!
In "der Ehe" gibt es verschiedene Arten des "Folgens", hier sehen wir eine der Beliebtesten: das "Befolgen".
Nach Jahren der emotionalen Kälte sind sich Mann und Frau fremd geworden. Gemeinsame Einkäufe erledigen Sie nur noch mit einem gesetzlichen Mindestabstand von 7 Metern, wobei das Männchen sich glücklich schätzen kann - es hat das Weibchen auserkoren, die schwere Last des Einkaufbündels in die heimatliche Tristesse zurückzutragen...

Christopher Nolan zeigt dem Zuschauer deutlich, wohin Voyeurismus führen kann. Sicherlich stecken hinter einem solchen Hobby nachvollziehbare sozio-psychologische Motive, die vielleicht sogar von geistiger Fortgeschrittenheit zeugen könnten. Volker braucht Input um seine Charaktere zum Leben zu erwecken und analysiert den Alltag zufälliger Pasanten. Der Einbrecher Cobb hingegen dringt in Wohnungen ein, um verschiedenen Menschen zu zeigen, was sie eigentlich für einen (persönlichen und nicht weltlichen) Reichtum besitzen, indem er es ihnen nimmt.
Beides sind edle Motive mit großem Potential zur Human-Analyse, ja vielleicht sogar zur gesellschaftlichen Besserung. Wer wäre nicht heilfroh, von einem Fremden, dessen ersten oberflächlichen Eindruck über die eigene Person zu erhalten? Vielleicht könnte man sogar das Glück haben, dass jemand in das Haus eindringt, die Musiksammlung stielt und Erinnerungsfotos klaut. Ich denke das sind Visionen, von denen Kulturwissenschaftler sich die ein oder andere inspirierende Scheibe abschneiden könnten.
"Voll das Volk hier...!" 
Das war mal wieder ein voller Verfolg!
Durch die vollkommene Volksdichte endet die Heimfolgung seines weiblichen Gefolges im völligen Missverfolg!
Folgerichtig setzt sich nun bei Volker ein Gefühl der Erfolglosigkeit ein und die bittere Erkenntnis nie wieder selbstständig nach Hause zu finden...
  

Ein negativer Aspekt im Film, ist allerdings die knappe Vorstellung der Personen. Volker wird nicht beim Namen genannt. Cobb's Lieblingsspeise wird nicht verraten und die zentrale Dame wäre durch einen beliebigen anderen Feman ersetzbar. Vielleicht dachte Nolan sich bei der vagen Beschreibung, dass man sich weniger mit den Charakteren identifizieren kann und das böse Spiel beider Kerle als ein Falsches ansieht. Doch wie bereits beschrieben, will der Regisseur ja vermutlich eine Weg-Alternative in die moderne Gesellschaft und ein besseres Miteinander aufzeigen. Hier hätte ich es für sinnvoller gehalten, dem Zuschauer mehr Identifikationsmerkmale zu bieten - deshalb eine Note abzug.



DIAGNOSE:
Christopher Nolans Schmankerl bietet dem experimentiertfreudigen Filmfreund eine gekonnte Abwechslung zum nervigen Popcorn-Kino der Neuzeit. Sogar Unerfahrene können hier getrost reinschauen, denn die Laufzeit ist mit etwa 70 Minuten aussergewöhnlich kurz und die schwarz-weiße Farbgebung, bietet den effekt-vergewaltigten Augen etwas Entspannung.
Die Geschichte um den jungen Schriftsteller, der gerne Menschen beobachtet, ist ungewöhnlich, spannend und philosophisch und weiß mit einer geschickten Wendung zu überraschen. Wer bereit ist, in die Welt des Beobachtens einzusteigen, ist hiermit herzlich eingeladen auf Seiten wie "Folgbook" den Verfolger völlig Fremder zu geben. Gefolgt mir!


2 Hasst uns! Beschimpft uns! Lasst es raus!:

Adalbert Stalkerin hat gesagt…

Ich bin 22 Jahre jung und hatte noch nie Geschlechtsverkehr, dennoch weiß ich wie sich ein Orgasmus anfühlt denn ich masturbiere jeden Abend auf den Lautklang von Prof. Adalberts Kritiken die ich mir dabei selber vorlese. Für mich sind Adalberts Schriften DIE erotische Literatur des 21. Jahrhunderts. 1000 Küsse du Lieber!

Professor Adalbert hat gesagt…

Sehr geehrte Fr. Stalkerin,

so sehr ich mir Ihrer Zuneigung bewusst bin, so stark steigt mir auch die Röte ins Gesicht. Nicht aus schamhafter Verzückung, sondern viel mehr aus Wut über mein Versagen:

Seit beginn des Blogs, versuchen die multipel Filmgestörten, ihre Leser von Sexualität und Zweisamkeit fernzuhalten und sich lieber im Allein-Sein auf die Leinwand zu konzentrieren, quasi auf dem rechten Weg zu bleiben. Ihr Kommentar lässt zumindest mich am Erfolg zweifeln. Einerseits sind ihre Handlungen unchristlich, andererseits machen sie das alleine und aus gegebenem Anlass.

Weiterhin möchte ich anmerken, dass ich den Kommentar durchaus positiv angenommen habe. Mein Sohn, etwa in Ihrem Alter, ist schon recht früh den rechten Weg gegangen und trägt ebenso das Laster der Unschuld auf seinen Schultern. Hier sehe ich die Möglichkeit, Zucht zwischen Gleichgesinnten zu betreiben. Bei Interesse bitte ich um einen elektronischen Brief.

In freudiger Erwartung und mit tausend Grüßen
Professor Adalbert

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